Pilotprojekt mit langfristiger Perspektive

03
FEB
2015

Nur mit Transparenz und Offenheit kann politische Bürgerbeteiligung gelingen, erklärt Christian Kreutz im Interview mit Dennis Buchmann

Portrait:Christian Kreutz
„In Mexiko folgen die Menschen dem Präsidenten zu Tausenden auf Twitter. Doch hier fehlt der Online-Spirit.“ (Christian Kreutz)

Christian, eine engagierte Community ist die Grundlage eurer Partizipationsplattform. Wie aktiviert ihr die Menschen?

Leider haben wir dafür keine Ressourcen, das Projekt läuft zurzeit auf Autopilot. Trotzdem haben wir über die Jahre erreicht, dass die Leute kontinuierlich und konstruktiv über die Lokalpolitik diskutieren. Und noch immer haben wir 20.000 Seitenzugriffe pro Monat! Doch jetzt hat die Stadt Frankfurt eine Konkurrenzplattform gestartet …

Fühlst du dich geehrt, dass Frankfurt Gestalten kopiert wird?

Wir bedauern das sehr, zumal wir finden, dass diese Plattform leider nicht allzu transparent oder offen ist. Wir denken, dass ein langfristiger Dialog mit den Bürgern entscheidend für den Erfolg ist.

Zurück zur Aktivierung: Ist es mühsam, die Menschen zum Mitmachen zu bewegen?

Ja, denn unsere Zielgruppe ist sehr klein: Wie viele Menschen wohnen in Frankfurt? Wie viele davon engagieren sich politisch? Wie viele davon sind internetaffin? Und wie viele kennen unsere Plattform? Da bleiben nicht viele übrig. Aber es geht uns auch nicht um massenhafte Nutzerzahlen, sondern um hyperlokale, sehr sachliche Angelegenheiten. Und die diskutieren die Menschen sehr konstruktiv.

In anderen Ländern mischen sich die Menschen online viel stärker in die Politik ein. Sind die Deutschen tatsächlich internetfaul?

Pauschalisierungen sind zwar mit Vorsicht zu genießen. Aber ich war gerade in Mexiko, wo Millionen Menschen dem Präsidenten auf Twitter folgen und die Regierung eine große Open-Government-Initiative gestartet hat. Zurück in Deutschland muss ich schon sagen: Hier fehlt der Spirit für die Möglichkeiten des Internets. Sowohl die Regierung ist sehr zurückhaltend, aber auch die Bürger haben viele Vorbehalte. Deshalb haben wir hier insgesamt starke Online-Mobilisierungsprobleme.

Du hattest keine Vorbehalte und hast 2010 zusammen mit Freunden Frankfurt Gestalten gelauncht. Kannst du schon ein erstes Fazit dieses Experiments ziehen?

Ja, es hat sich in jedem Fall gelohnt. Frankfurt Gestalten ist als Pilotprojekt sehr erfolgreich und wurde deutschlandweit kopiert. Vor allem haben wir viel gelernt: Politische Online-Partizipation bietet völlig neue Möglichkeiten der Bürgerbeteiligung an unserer Demokratie. Deshalb haben wir auch viele Anfragen von Wissenschaftlern bekommen.

Christian Kreutz ist Geschäftsführer der crisscrossed GmbH. Er arbeitet an unterschiedlichen Projekten zu digitaler Beteiligung und bietet mit WE THINQ ein Online-Instrument für Beteiligungs- und Ideenprozesse.