Von null auf 13.000 in null Komma nix

04
DEZ
2014
Portrait: Stephan Jung vom Verein Hellersdorf hilft

Stephan Jung, beim Verein Hellersdorf hilft für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig, spricht über Facebook als Mobilisierungsmedium, echte Begegnungen und das Sechsaugenprinzip im Interview mit Dennis Buchmann.

"Wir können unsere Erfahrungen weit verbreiten und Menschen dazu ermutigen, ähnliche Initiativen zu gründen." (Stephan Jung)

Stephan, in Reaktion auf die rechten Stimmungsmacher habt ihr als Erstes eine Facebook-Seite erstellt. Warum?

Weil wir über Facebook sehr schnell und kostengünstig sehr viele Leute erreichen konnten. Wenn wir nur vor Ort mit 20 Leuten eine Integrationsaktion gemacht hätten, dann hätte ohne die sozialen Medien ja kaum jemand davon erfahren. So konnten wir aber nicht nur selbst davon berichten, sondern anderen Menschen auch die Möglichkeit geben, mitzumachen.

Ist denn ein Mitmachen mit Likes und Kommentaren ausreichend?

Es geht nicht nur darum. Wir haben mit Fakten gegen die rechte Stimmung gekämpft, also zunächst einmal aufgeklärt und vor allem auch positive Nachrichten verbreitet. Klassische Medien konzentrieren sich ja eher auf das Negative. Als die Unterkunft dann eröffnet wurde, konnten unsere Fans auch Spenden und eine Online-Petition unterzeichnen - 24.000 Unterschriften kamen schnell zusammen. Viele engagierten sich dann auch vor Ort, so haben wir die vielen Spenden für die Begegnungsstätte in einer großen Menschenkette zur Flüchtlingsunterkunft gebracht. Mittlerweile engagieren sich fast 400 Hellersdorfer vor Ort. Außerdem können wir unsere Erfahrungen weit verbreiten und Menschen im gesamten deutschsprachigen Raum dazu ermutigen, ähnliche Initiativen zu gründen.

Ihr konntet also Online-Engagement ins „echte“ Leben konvertieren?

Ja, und das ist ja auch ganz wichtig. Denn nur echte Begegnungen zwischen den Flüchtlingen und den Anwohnern können Ängste abbauen. Gerade dort, wo sich die Menschen nicht begegnen, sind die Ressentiments ja am größten. Deshalb ist der Face-to-face-Kontakt so wichtig.

Hat euch der Ansturm auf eure Facebook-Seite anfangs auch überfordert? Es bedarf ja auch einiger Ressourcen, um auf all die Kommentare und Fragen reagieren zu können.

Ja, anfangs lief das ziemlich ad hoc. Wir waren ja auch stark damit beschäftigt, den Verein zu gründen, zu networken und die Finanzierung zu stemmen. Hinzu kamen unzählige Presseanfragen. Jetzt aber sind wir 20 Leute bzw. 10 im engeren Kreis und haben einen richtigen Facebook-Plan. Wir schreiben die Posts vor und verfahren nach dem Sechsaugenprinzip: Mindestens drei von uns müssen zustimmen, bevor ein Post online geht.