Wärme und Geborgenheit - Eine Kuscheldecke für Kinder

21
APR
2016
Gestapelte Kuscheldecken

Wie gut eine warme Kuscheldecke Trost und Geborgenheit spenden kann, kennt wahrscheinlich jeder aus Kindertagen. Darum hat sich das Projekt „Mini Decki“ zum Ziel gesetzt, Kindern mit Fluchterfahrung eine eigene Kuscheldecke als Willkommensgeschenk zu überreichen. In dem Interview erzählt uns Dr. Veronika Sebekow von strahlenden Kinderaugen und spaßigen Patchwork Treffen.

Was hat Dich bewegt, dieses Projekt zu übernehmen? Wie fing alles an?

Als wir im letzten Sommer in den Nachrichten die Berichte über die Menschen sahen, die u.a. vor dem Krieg in Syrien flüchteten, war meiner Schwester und mir sofort klar - wir müssen was tun.

Im Rathaus Wilmersdorf wurde eine Notunterkunft eingerichtet, wo wir uns als Freiwillige meldeten. Es gab so viel zu tun. Schnell merkte ich, dass mich das zeitlich auffressen würde und ich das mit meiner Arbeit nicht lange vereinbaren könnte. Aber einfach aufhören und nichts machen, war für mich nicht die Lösung. Für mich ist die Frage nach dem helfen können, zuerst eine Frage nach dem helfen wollen. Und ich wollte helfen.

Im Urlaub stieß meine Schwester Sabine eines Morgens beim Surfen im Internet auf die deutschlandweite Initiative „Mini Decki“. Sie suchten noch eine Regionalvertretung für Berlin. „Das ist was für uns! Das machen wir!“ sagte meine Schwester begeistert. Nach dem ersten Kaffee sah ich mir das Projekt auf ihrem Tablet an. Die Idee zu „Mini Decki“ kommt ursprünglich aus der Schweiz. Jedes Flüchtlingskind soll eine eigene, warme Kuscheldecke bekommen, um ein Stück Geborgenheit und Schutz zu finden. Diese werden in Patchwork-Tradition aus bunten Stoffresten genäht. Also haben wir uns gemeldet, die Stelle für die Regionalkoordination zu übernehmen, ohne zu wissen, was auf uns zukommt.

Schon nach dem Rückflug sind wir gleich bei Ikea vorbeigefahren und haben Inletts und Stoff für die ersten Decken gekauft. Zu Hause haben wir unsere Schränke nach überschüssiger Bettwäsche durchsucht, Freunde angerufen und von der Idee erzählt und sie gebeten zu schauen, was sie vielleicht spenden können. Über e-bay haben wir alle Angebote an Kinderbettwäsche in Berlin aufgekauft. Das war der erste Aufschlag, bei dem schon eine ganze Menge zusammenkam.

Wie kann ich mir das vorstellen? Welche Aufgaben übernimmst Du?

Mit uns hatte sich Birgitt Haag für die Regionalstelle gemeldet. Also trafen wir uns zu einem Kennenlernen und fanden, wir passen gut zusammen. Birgitt arbeitet viel von zu Hause aus und nimmt die Spendenpakete entgegen, die wir von überall geschickt bekommen. Sie hat auch die Räume für die inzwischen monatlich stattfindenden Nähtreffen organisiert. Meine Schwester betreut den Facebook-Auftritt, füllt ihn mit Fotos von den Nähtreffen und den Übergaben. Dazu schreibt sie den wöchentlichen Newsletter und ist die Netzwerkerin schlechthin. Sie ist auch die von uns beiden, die weiß, wie man mit einer Nähmaschine umgeht. Ich kann gar nicht nähen (noch nicht) dafür übernehme ich die Koordination vor Ort, hole Spenden ab, verteile Material an Mitnäherinnen, fahre zu den Unterkünften und organisiere die Übergabetermine.

Was war Deine schönste Erfahrung?

Was uns bei der Übergabe wichtig ist, ist, dass jedes Kind sich selber eine Decke aussuchen soll. Die Kinder kommen vorsichtig zu dem großen, bunten Berg der zusammengerollten Decken. Der schönste Moment ist, wenn sie die Decke aufrollen und mit leuchtenden Augen ihre persönliche Kuscheldecke an sich drücken und lächeln. Dabei geht einem das Herz auf.

Einmal hatte eine Mitnäherin ihre Tochter Emma und deren Freundin Frieda, beide 6 ½ Jahre, dabei. Die Kinder wollten sehen, wie die Flüchtlinge untergebracht werden. Es war herrlich anzusehen, wie sich beide Seiten „beschnupperten“ und nach kurzer Zeit viel Spass miteinander hatten!

Aber nicht nur die Kinder haben etwas von der Aktion. Bei den Nähtreffen lernen sich viele freiwillige Näherinnen und Helfer kennen. Die neuen sozialen Kontakte und der Stolz auf die gemeinsam geleistete Arbeit ist für alle eine große Bereicherung. Dabei kommt der Spaß natürlich auch nicht zu kurz. Es gibt Kaffee, Kuchen und Buletten und immer Unterstützung, wenn man mit der Nähmaschine noch nicht so viel Erfahrung hat.

Auf einem großen Tisch liegen viele Kuscheldecken aufeinander gestapelt
© Sebekow

Aus dem großen Berg farbenfroher Kuscheldecken darf sich später jedes Kind eine eigene Decke aussuchen.

Wie kommuniziert ihr mit Eurem Umfeld um Unterstützung und Aufmerksamkeit für das Projekt zu bekommen?

Die Dachorganisation Mini Decki Deutschland hat eine Internetseite u.a. mit einer Verlinkung zu unserer Seite bei Facebook, was uns sehr hilft. Zusätzlich versenden wir wöchentlichen Newsletter an unsere Mitstreiter. Wir gehen aber auch direkt zu den Menschen, zum Beispiel in die Familienzentren oder Gemeindezentren oder zu anderen Nähtreffen und Patchwork Vereinen. Damit nutzen wir vorhandene Strukturen und Netzwerke, neue Nähtreffs entstehen und die Idee von „Mini Decki“ wird weitergetragen. Dafür setzen wir auch Flyer ein.

Für materielle Unterstützung melde ich mich auch direkt bei großen Unternehmen und stelle unser Projekt und Anliegen vor. Es ist nicht schwer, einen freundlichen Brief zu schreiben. Ich bin immer wieder überrascht, wie positiv die Resonanz ist.

Für viele erscheint es schwierig, sich zu engagieren. Was würdest Du anderen raten, die ein Engagement beginnen wollen?

Es ist nicht schwierig. Mein Motto ist - einfach machen! Geh nach deinem Herzen und gesunden Menschenverstand, dann entwickelt es sich Stück für Stück fast von selbst. Als wir anfingen über Facebook von unserer Idee zu erzählen, meldeten sich ganz schnell die ersten Leute und wollten spenden oder selber mitmachen. Jetzt bekommen wir Pakete mit fertigen Decken, Kinderbettwäsche und Stoffen aus ganz Deutschland. Manchmal sind da auch selbstgestrickte Mützen und Socken oder andere nützliche Sachen mit drin.

Es ist wichtig, einfach auf die Leute zuzugehen. Für die erste Übergabe habe ich ein paar Decken eingepackt, ging direkt zu einer Notunterkunft und fragte mich zur Heimleitung durch. Ich zeigte unsere Decken, erzählte von der Idee hinter „Mini Decki“ und die Heimleitung war sofort begeistert. So bekamen damals die ersten 50 Kinder eine Kuscheldecke. Bis heute haben wir 1.175 Decken übergeben!

Wie sieht die Zukunft für das Projekt aus?

Das Projekt geht weiter, solange es Kinder gibt, die eine Kuscheldecke brauchen können und Leute, die mit uns nähen. Als wir in der ehemaligen Schule auf dem Halemweg in Berlin / Charlottenberg anfragten, traute sich der Heimleiter die Zahl der dort untergebrachten Kinder kaum zu nennen - ca. 230!! Wir haben es geschafft, alle Kinder haben an einem Sonntagvormittag eine Decke bekommen. Vielen Dank nochmals für die tolle Unterstützung und das Engagement der Sozialarbeiter in dieser Einrichtung.

Und es gibt noch so viele große und kleine Einrichtungen in Berlin und Umgebung, auch mit besonders schutzbedürftigen und traumatisierten Kindern, denen wir auf diese Weise ein kleines Stück helfen wollen.

Manchmal stelle ich mir vor, wie ein Kind seine Decke ein ganzes Leben lang mit sich rumschleppt. Dann erinnert es sich vielleicht, wie es nach der Flucht in Berlin angekommen ist und da ein paar verrückte Weiber waren, die ihm mit einer Decke ein Stück Geborgenheit zurückgegeben haben.

Mini Decki Berlin Brandenburg

Das Interview führte Jens Dupski