Menschen und Tiere wollen zusammen leben

28
APR
2016
Linda Oldenburg
© Olaf Selchow

Tiere tun dem Menschen gut. Für viele ist das eigene Haustier ein wichtiges Familienmitglied. Doch finanzielle Sorgen der Besitzer sind auch für Haustier eine Belastungsprobe, denn Futter kostet Geld. Daher hilft die Berliner Tiertafel mit Futterspenden und bewahrt die Tiere so vor dem Tierheim. Linda Oldenburg hatte als Kind selber einen Hund, den sie irgendwann abgeben musst. Von ihrem Engagement in dem Verein und ihren Erfahrungen erzählt sie in diesem Interview.

Erzähle uns von Deinem Ehrenamt - welche Aufgaben übernimmst Du?

Ich bin ehrenamtlich als 1. Vorsitzende der Berliner Tiertafel e. V. tätig. Das Ehrenamt ist für mich ein Hobby, dem ich täglich mit großer Freude und Enthusiasmus nachgehe. Die Berliner Tiertafel sammelt Futter und Zubehör, um dieses an die Tiere hilfebedürftiger Menschen zu verteilen. Wir wollen mit dieser Unterstützung Familien davor bewahren, dass sie ihr Tier abgeben müssen, weil sie es aus eigenen Mitteln nicht mehr ausreichend versorgen können. Zu uns kommen überwiegend Arbeitslose, Sozialhilfeempfänger, aber auch Studenten, Geringverdiener und Rentner, um Hilfe für ihr Haustier zu bekommen.

Die ehrenamtliche Arbeit gestaltet sich sehr vielfältig und abwechslungsreich. Ich kümmere mich vornehmlich um die administrativen Angelegenheiten, um die Social Media-Aktivitäten (Facebook und Instagram), um die Korrespondenz mit Spendern, Presse und anderen Interessierten, um die Organisation von Veranstaltungen, um die Akquise von Spenden und die Erhebung und Auswertung sämtlicher Zahlen rund um den Verein.

Alle zwei Wochen findet die Futterausgabe an hilfebedürftige Tierhalter aus Berlin und Umgebung statt. Um dem Ansturm von bis zu 250 Tierhaltern gerecht zu werden, ist Teamarbeit gefragt und jeder packt dort an, wo gerade Hilfe gebraucht wird. Ich schätze die Arbeit in der Futterausgabe sehr, da man bei dieser Gelegenheit mit den Menschen und ihren Tieren im direkten Kontakt ist, sieht und spürt, dass die Hilfe ankommt.

Was hat Dich bewegt Dein Engagement aufzunehmen?

Durch ein Studienprojekt bin ich 2011 auf die Tiertafel aufmerksam geworden. Gemeinsam mit Kommilitonen habe ich damals die Einrichtung besucht, um Interviews mit den Helfern und Tierhaltern zu führen. Ich war begeistert von der Arbeit der Tiertafel und da ich selbst eine große Tierfreundin bin, wollte ich mich auch über unser Studienprojekt hinaus, dort einbringen und begann regelmäßig bei der Futterausgabe zu helfen.

Mein besonderer Antrieb: In meiner Jugend musste ich mich selbst von meinem geliebten Hund trennen. Das hatte zwar keine finanziellen Gründe, aber ich kann dadurch aus eigener Erfahrung heraus nachempfinden, wie traurig und schlimm so eine Trennung sein kann. Deswegen ist es mir eine Herzensangelegenheit dabei zu helfen, dass die Tiere bei ihren Familien bleiben können. Die Armut macht die Menschen sowieso schon einsam. Viele isolieren sich und nehmen kaum noch am gesellschaftlichen Leben teil. Für sie ist ihr Haustier der letzte Halt.

Was war Deine schönste Erfahrung?

Diese Frage kann ich nicht eindeutig beantworten, da es nicht DAS eine Erlebnis gab. Ich habe während meiner ehrenamtlichen Arbeit für die Tiertafel schon so viele schöne Erfahrungen machen können: Die Dankbarkeit der Tierhalter, die zu uns kommen, um Unterstützung zu erhalten. Die Anerkennung der Spender, ohne die unsere Arbeit nicht möglich wäre. Das tolle Miteinander im Team und natürlich der Kontakt zu den Tieren.

Wie organisiert ihr Euch?

Als ich 2011 meine ehrenamtliche Arbeit bei der Tiertafel begann, gehörte unsere Ausgabestelle noch einem Bundesverband an. Im Jahr 2014 beschloss unser Team sich von diesem Träger zu trennen und mit einem eigenen Verein selbständig zu machen. Also gründeten wir die Berliner Tiertafel. Nun sind wir ein eigenständiger, eingetragener Verein, der als gemeinnützig anerkannt wurde. Alle Helfer sind ehrenamtlich für den Verein tätig. Es gibt keine hauptamtlichen Mitarbeiter.

Wir organisieren und koordinieren uns hauptsächlich über What´s App, per E-Mail und Doodle. Klingt unkonventionell, ist aber total praktisch. Wir haben bspw. einen Chat, um Spendenabholungen zu koordinieren, in einem anderen Chat planen wir Veranstaltungen und per E-Mail oder Doodle organisieren wir die Personalplanung für die Futterausgabe, die Besetzung von Infoständen und informieren über aktuelles Vereinsgeschehen.

Die Futterausgabe an die hilfebedürftigen Tierhalter findet alle zwei Wochen am Samstag statt. Der „harte Kern“ unseres Teams umfasst ca. 20 Tierfreunde. Dazu kommen immer wieder neue Helfer, so dass wir stets gut besetzt sind, um dem wachsenden Ansturm an Tierhaltern, die unsere Hilfe benötigen, gerecht zu werden. Jeder (neue) Helfer kann die verschiedenen Einsatzgebiete in der Futterausgabe kennenlernen, um zu schauen, welche Aufgaben ihm besonders liegen und Spaß machen.

Wie kommuniziert Ihr mit Eurem Umfeld, um Unterstützung und Aufmerksamkeit zu bekommen?

Der Motor unserer Öffentlichkeitsarbeit ist eindeutig Facebook. Darüber können wir tagesaktuell über unsere Arbeit berichten, Spendenaufrufe absetzen, Danksagungen veröffentlichen und mit unseren Spendern im direkten Kontakt sein. Seit Start unserer Seite im Juni 2014 haben wir mittlerweile über 5.000 Fans, die unserer Seite folgen. Der persönliche Kontakt spielt aber auch eine große Rolle, weshalb wir viele Gelegenheiten nutzen und an verschiedenen Veranstaltungen (Messen, Straßenfeste u.a.) mit unserem Infostand teilnehmen. Dort informieren wir Interessierte über unsere Arbeit und nehmen Spenden entgegen.

Für viele erscheint es schwierig, sich zu engagieren. Was würdest Du anderen raten, die ein Engagement beginnen wollen?

Jeder hat seine Stärken und seine Schwächen, seine Vorlieben und Abneigungen. Manche kennen diese, andere müssen erst herausfinden, was ihnen liegt und was eher nicht. Ich würde jedem empfehlen, der mit dem Gedanken spielt, sich ehrenamtlich zu engagieren, erst einmal in sich zu gehen, um herauszufinden, welche Bereiche dafür interessant wären. Denn die Möglichkeiten sich zu engagieren sind vielfältig. Ob Tierschutz, Arbeit mit Kindern oder Senioren, Flüchtlingshilfe, Naturschutz, Nachbarschaftsarbeit oder oder oder. Bei der Suche nach dem „richtigen“ Ehrenamt können auch Freiwilligenagenturen oder Ehrenamtsbörsen im Internet hilfreich sein.

Das Interview führte Jens Dupski