Leben mit Lebern wie meinen

23
FEB
2016
Lina auf der Wiese
© Maurice Weiss

Sterben war keine Option

Lina Rosenboom hat eine Leber transplantiert bekommen. Gleich zweimal. Ihr Leben hing am seidenen Faden, aber jetzt ist sie mit ihrer neuen Leber stärker als je zuvor und möchte anderen Menschen zeigen, wie das Leben nach einer Transplantation weitergeht.

Es ist nicht nur ein einfaches, sondern ein doppeltes Wunder, dass Lina Rosenboom hier sitzt. Das Mädchen mit den langen braunen Haaren, die über beide Schultern fallen, ist gerade mal 16 Jahre alt und hat schon zwei Lebertransplantationen hinter sich. Bei der ersten war sie erst drei Jahre alt, und danach schien sich alles zum Guten zu wenden. Sie wuchs auf, besuchte die Schule, ging gerne reiten. Doch dann, 2013, leidet Lina plötzlich unter extremen Bauch- und Rückenschmerzen, Schwächeanfällen, hat hohes Fieber. Die Ärzte versuchen, die transplantierte Leber noch zu therapieren, aber die Nahtstelle zum Gallengang bricht, die Flüssigkeit läuft in das Bauchfell, fängt an zu ätzen, und es folgt eine lokale Superinfektion und das Organversagen droht. Lina legt ein Stück Kandiszucker in ihren Tee, rührt etwas Sahne hinein. Ihre Hand zittert dabei. Daran sind die Medikamente gegen die Abstoßung der neuen Leber schuld. Aber das nimmt sie gerne in Kauf; ihr Zustand hat sich seit der zweiten Transplantation enorm gebessert. Draußen vor den Fenstern liegen sanfte, grüne Wiesen, stehen Backsteinhäuser und fahren Trecker durch die Gegend - tatsächlich so, wie man sich Ostfriesland vorstellt. Ein Idyll, das im krassen Gegensatz zu Linas Leidensgeschichte steht, die sie allerdings ruhig und abgeklärt erzählt.

„Eigentlich bin ich nicht schmerzempfindlich“, sagt sie. „Dafür habe ich schon zu viel durchgemacht. Aber am Ende, kurz vor der zweiten Transplantation, habe ich die Ärzte regelrecht angeschrien.“

eine Tasse Tee und das tätowierte Handgelenk von Linas Mama mit einer Herzrhythmuslinie
© Maurice Weiss | OSTKREUZ

Linas Mutter hat sich nach der erfolgreichen Transplantation das Leben aufs Handgelenk tätowieren lassen. Es ist ein Wunder, dass Lina am Leben ist, aber die 16-Jährige meistert es mit Bravour und will anderen alles rund ums Thema Lebertransplantation mitteilen.

Die Transplantation musste innerhalb von ein paar Tagen passieren, und Lina hatte Glück. Auch wenn sie hinterher zunächst nur ein Schatten ihrer selbst war: Sie wog nur noch 32 Kilogramm, konnte keine fünf Meter laufen. „Aber sterben war einfach keine Option“, sagt Lina und führt die Tasse Tee vorsichtig zum Mund. Von der ersten Transplantation als dreijähriges Kind kann Lina noch von einer Nahtoderfahrung berichten, von einem Licht, das sie sah, durch das sie aber nicht hindurchgehen wollte. Als sie 2013 aus dem Koma aufwachte, sagte sie dagegen zu ihre Mutter: „Mama, diesmal war da kein Licht.“ In dem zierlichen Körper muss sich ein unbedingter Lebenswille verstecken, und obwohl sie drei Wochen im künstlichen Koma lag, obwohl sie erst langsam wieder zu Kräften kommen musste, hat Lina das Schuljahr damals noch geschafft. In ihrem minimalistisch eingerichteten Zimmer - Bücherregal, Bett und Schreibtisch - befinden sich ein paar Medizinwälzer und geben Auskunft über ihren Berufswunsch: Ärztin. Außerdem steht da ihr Rechner, von dem aus sie ihre Facebook-Seite betreut.

„Ich möchte zeigen, dass man nach der Transplantation nicht eingeschränkt in seinem Leben sein muss.“

„Ich möchte mit meinen Posts zeigen“, sagt Lina, „dass man nach der Transplantation nicht eingeschränkt in seinem Leben sein muss.“ Und sie möchte aufklären über den ganzen Prozess. „Man hat ja überhaupt keine Ahnung, was da alles auf einen zukommt. Ich wollte das Thema einfach mal auf die persönliche Ebene runter brechen und ganz offen darüber schreiben, was mit einem Menschen passiert, der so etwas durchmacht.“

Darüber hinaus ist Lina aktiv in diversen Selbsthilfegruppen, besetzt Infostände zum Thema und nimmt an Aufklärungsgesprächen teil. Sie will so vielen Menschen wie möglich vermitteln, dass das Leben nach einer Transplantation weitergeht, auch wenn es zunächst schwer und anstrengend ist.

In ein paar Tagen fährt Lina in den Urlaub, ans Meer in den Niederlanden, eine Woche lang. Sie macht das mit anderen, die ein Organ transplantiert bekommen haben, ärztliche Betreuung ist dabei, die Ernährung an die Bedürfnisse angepasst. Und so oft, wie Lina lacht, während sie ihre Geschichte erzählt, wird es sicher ein lustiger Urlaub werden. Schwer vorstellbar, dass noch irgendwas passieren könnte, das die zugleich kindliche und erwachsene Lina aus der Bahn werfen würde.

Ein Artikel von Fredy Gareis

facebook.com/lebenmitlebernwiemeinen.lina