Flüchtlingshilfe digital - wie wir Flüchtlingen mit Facebook helfen können

10
JAN
2016
Person mit Rucksack

Flüchtlingshilfe digital - wie wir Flüchtlingen mit Facebook helfen können

Fast 60 Millionen Menschen sind weltweit auf der Flucht: Krieg, Hunger oder religiöse Verfolgung sind nur einige der Gründe dafür, dass Menschen ihre Familie, Freundinnen und Freunde verlassen müssen. Zu Fuß, per Boot oder unter einen LKW geklammert, machen sie sich auf den Weg in ein besseres Leben. Doch Tausende sterben dabei oder werden aufgegriffen. Jene, die es zum Beispiel bis nach Deutschland schaffen, haben oft nur noch das, was sie am Leib tragen.

Allein im ersten Halbjahr 2015 zählte das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) knapp 180.000 Asylanträge - das sind schon jetzt mehr als im gesamten vergangenen Jahr. 2014 war Deutschland das Land mit den meisten Asylanträgen weltweit (ein Fünftel von ihnen kam aus Syrien). Obwohl pro Kopf gerechnet viele andere Staaten noch mehr Flüchtlinge aufnehmen, gab und gibt es hierzulande viele Diskussionen darum, wie man ankommende Menschen unterbringen kann: Deutschland muss 2015 mit 800.000 Flüchtlingen rechnen. Die Unterbringungsmöglichkeiten werden anscheinend knapp: In Bochum sollten Asylbewerberauf eine Friedhofswiese ziehen, in Augsburg und Schwerte erwog man, sie in früheren KZ-Außenlagern einzuquartieren, in Hamburg leben Migranten jetzt in einer Halle der Feuerwehr. Deshalb versuchen engagierte Initiativen, den Flüchtlingen das Ankommen in Deutschland zu erleichtern - und diese Beispiele zeigen, wie digitale Werkzeuge dabei helfen.

Flüchtlinge Willkommen

Diese Berliner Initiative fragt angesichts des Unterbringungs-Chaos: Warum können Flüchtlinge nicht in WGs wohnen, statt in Massenunterkünften? Und fand einen Weg, dies möglich zu machen! Auf einer Online-Plattform können sich nun Menschen, die ein Zimmer frei haben, registrieren und einen Flüchtling bei sich unterbringen - ganz legal, oft sogar mit finanzieller Unterstützung der Kommunen. Bereits 69 Menschen haben deutschlandweit dank der digitalen Vermittlung eine neue Bleibe gefunden.

Hellersdorf Hilft e. V.

Weil viele Flüchtlingsunterkünfte überbelegt sind, fehlt es oft an ganz einfachen Grundversorgungsgütern wie Seife oder Waschmittel. Die Betreiber der Unterkünfte sind überfordert. Doch mittlerweile gibt es viele regionale Initiativen, die Flüchtlingsheime unterstützen. Viele von ihnen nutzen Facebook zum Hilfeaufruf. Ein Beispiel ist die Initiative Hellersdorf Hilft e. V., die auf ihrer Facebook -Seite ganz konkrete Spendenaufrufe für die Flüchtlinge in ihrem Bezirk veröffentlicht. Die Betreiber der Seite müssen leider auch regelmäßig über Angriffe von Neonazis auf das Flüchtlingsheim in Hellersdorf berichten und rufen hier zu mehr Toleranz und zu Gegendemonstrationen auf.

Das Beispiel Hellersdorf Hilft e. V. - die Initiative war übrigens 2014 eine der Gewinnerinnen des Smart Hero Awards- zeigt: Wenn Sachspenden auf die Bedürfnisse abgestimmt sind, können sie sehr hilfreich sein. Soziale Medien wie Facebook sind dabei eine große Hilfe.

Flüchtlingshilfe Bremen

Diese Initiative nutzt Facebook, um unter anderem Möbel, Handtücher und Windeln strukturierter zu verteilen. Mittlerweile hat die Seite mehr als 20.000 Fans und erreicht über 100.000 Menschen. Zum Vergleich: Bremen hat knapp 550.000 Einwohner. Auf der Seite werden regelmäßig Bedarfslisten zu Flüchtlingsunterkünften veröffentlicht - und die Menschen fahren tatsächlich zu den Unterkünften und liefern ab, was gebraucht wird. Hier wird das Engagement der Bürgerinnen und Bürger durch das soziale Medium koordiniert.

workeer

Eine Arbeit zu finden, ist für viele Flüchtlinge eine der größten Hürden. Ihnen fehlen die entsprechenden Netzwerke für die Jobsuche, und eine Arbeitserlaubnis zu bekommen, ist ohne Jobangebot fast unmöglich. Eine Berliner Studenteninitative hat daher die Online-Arbeitsvermittlung workeer ins Leben gerufen. Die Idee ist simpel: Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber laden ihre Jobangebote hoch, und die Flüchtlinge erstellen ein Profil mit ihren Gesuchen. Dann finden sich beide, und im Idealfall entsteht ein Arbeitsverhältnis. Auch wenn die Behörden noch entsprechende Arbeitserlaubnisse erteilen müssen, ist dies ein wichtiger erster Schritt, um Arbeitgeber und arbeitssuchende Flüchtlinge miteinander zu verknüpfen.

Witten 2 go

Einer der wenigen und wichtigsten Gegenstände, den viele Flüchtlinge dabei haben, ist das Mobiltelefon. Damit bleiben sie mit ihrer Familie in Kontakt, orientieren sich auf der Flucht und organisieren sich untereinander. Und so hat die Stadt Witten im Ruhrgebiet die bereits bestehende App Witten 2 go so weiterentwickelt, dass sie auch für Flüchtlinge nützlich ist. Sie können sich dort über Anlaufstellen und aktuelle Angebote informieren: Wo werden Sprachkurse angeboten, wo gibt es etwas zu essen und wo günstige Kleidung und Möbel zu kaufen? Die Informationen sind auf Deutsch, Englisch, Französisch und Arabisch verfügbar. Und weil es in Witten fast überall kostenloses WLAN gibt, kann die App auch von vielen Flüchtlingen genutzt werden. Schon am ersten Tag haben mehr als 100 Menschen auf die App zugegriffen. Das Konzept setzt sich nun auch in anderen Städten durch, so wird in Dresden an einer vergleichbaren App gearbeitet.

REFUNITE

Die Flucht aus einer Konfliktregion ist chaotisch. Oft werden Familien getrennt oder verlieren sich unterwegs. Manchmal flüchten auch nur die jüngeren Familienmitglieder und die Älteren bleiben im Chaos zurück. Viele Geflohene wissen nicht, was aus ihren Familien geworden ist. Das ist besonders in der Subsahara der Fall, wo die Informationsinfrastruktur oft fehlt und die Konflikte besonders gewaltig sind und zu großen Migrationsbewegungen führen. Um Flüchtlinge wieder in Kontakt mit ihren Familien zu bringen, wurde die NGO Refugees United (REFUNITE) gegründet. Deren Online -Plattform ermöglicht die Suche nach vermissten Familienmitgliedern. Auch Flüchtlings-Organisationen können sich anmelden und Informationen über Flüchtlinge bereitstellen. Der Vorteil für Flüchtlinge, die nur schwer Zugang zum Internet haben: Nachdem sie eine SMS an eine bestimmt Nummer gesendet haben, können sie die Datenbank über ihr Handy durchsuchen. Nach einem Pilotprojekt 2010 in Uganda haben sich auf diesem Wege über 5.000 Flüchtlinge innerhalb weniger Wochen angemeldet. Seit seinem Launch hat sich REFUNITE zur weltweit größten Datenbank entwickelt, die Flüchtlingsfamilien wieder zusammenbringt - und das in verschiedenen Sprachen wie Somalisch, Swahili, Englisch oder Arabisch.

Fazit

Die Beispiele zeigen, dass soziale Medien zivilgesellschaftliches Engagement effizienter machen und Hilfe in die richtigen Bahnen lenken können. Manchmal schaffen Online-Plattformen auch eine neue, noch nicht dagewesene Lösung - wie die internationale Flüchtlingsdatenbank von REFUNITE. Doch all die Initiativen kümmern sich nur um die Symptome der großen Flüchtlingsbewegungen. Um die Ursachen der Flüchtlingsströme - Krieg, Angst und Armut - zu bekämpfen, sind langfristige politische Lösungen gefragt. Auch hier, um die Politik wachzurütteln, sind digitale Medien ein hervorragendes Werkzeug. Beispiele sind Aktionen wie #dietotenkommen, eine Aktion, mit der das Zentrum für politische Schönheit in der Öffentlichkeit große Aufmerksamkeit für die Flüchtlingsproblematik generieren konnte. Oder Fluchthelfer.in, eine Kampagne, die dazu aufruft, Flüchtlingshilfe zu entkriminalisieren.

Abschließend lässt sich sagen: Gutes tun geht mit sozialen Medien noch besser.