CUCULA - Refugees Company für Crafts and Design

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MÄR
2016
Botschafter von CUCULA
© Verena Brüning

Corinna Sy, 32, läuft im Hof hinter dem Internationalen JugendKunst- und Kulturhaus in Berlin-Kreuzberg auf und ab und redet in ihr Telefon. „Was hat er? Zahnschmerzen? Mist.“ Einer der Flüchtlinge hat ein Problem, und es muss gelöst werden. Aber das geht relativ schnell, damit hat Corinna, die eigentlich Designerin ist, schon Erfahrung, schließlich geht es bei diesem Projekt genau darum: den Erlös aus den selbstgebauten Möbeln in Hilfe für die Menschen zu investieren.

Ein viel größeres Problem ist derzeit, einen neuen Raum für die Werkstatt zu finden. Die alte ist im Juni abgebrannt. „Die neue darf nicht zu weit weg sein“, sagt Corinna, „darf nicht zuviel kosten und sollte ab sofort verfügbar sein.“ Corinna steht bei dem ganzen Aufwand entsprechend unter Strom, sie nimmt sich aber trotzdem die Zeit, um sich in den Hof zu setzen und etwas über die Arbeit von CUCULA zu erzählen.

Vor ihr liegt das Buch „Autoprogettazione“ des italienischen Designers Enzo Mari. Darin 19 Entwürfe für Möbel zum Selberbauen. In den 70ern war das Buch ein Gegenentwurf zum Kapitalismus, ein Stück Konsumkritik - und das ist es auch heute noch. „Mari war ein Utopist“, sagt Corinna, „und wollte die Menschen unabhängig von den Herstellern machen. Ein super Match also für uns.“

Bildbeschreibung
© Verena Brüning

Der Stuhl Sedia Uno. Die Flüchtlinge aus Mali und dem Niger arbeiten nach Entwürfen des italienischen Designers Enzo Mari. In einer offenen Werkstatt fertigen sie neben dem Stuhl auch Betten und Schränke.

Denn durch die Möbelherstellung sollen die Flüchtlinge auch ermächtigt werden, unabhängiger zu sein. Während sie darauf warten, dass ihr Aufenthaltsstatus geklärt wird, hospitieren sie bei CUCULA. Zweieinhalb Tage bauen sie Möbel, zweieinhalb Tage beschäftigen sie sich mit Deutschkursen und mit dem Land, das ihre neue Heimat werden soll. Diesen Job erledigt Jessy Medernach, 31, die sich neben Corinna setzt. „Uns geht es darum, Normalität in das Thema zu bringen. Und natürlich sollen die Leute sehen, wie man hier lebt.“ Deswegen organisiert sie Ausflüge in diverse Stadtteile und Besuche in der Philharmonie.

„Ali hat immer tolles afrikanisches Essen gekocht, und darüber sind die Leute dann ins Gespräch gekommen.“

Bevor die Werkstatt Feuer fing, war sie offen: Jeder konnte vorbeikommen. „Ali hat immer tolles afrikanisches Essen gekocht, und darüber sind die Leute dann ins Gespräch gekommen.“ Gerade in Zeiten, wo Fremdenhass droht, wieder salonfähig zu werden, ein wirksames Mittel gegen Vorurteile.

Entstanden ist die Idee rund um das Flüchtlingscamp am Oranienplatz in Berlin. Zuerst sollten Möbel für den Platz oder das Wohnheim hergestellt werden. „Aber die Flüchtlinge haben schnell gesagt: Wir brauchen keine Inneneinrichtung, wir brauchen eine Aufgabe.“ Seitdem kommt eine Gruppe von fünf Männern aus Mali und aus dem Niger regelmäßig ins Haus und produziert Möbel. Allem voran den Stuhl Sedia Uno, aber auch Betten und Tische. „Wir sind da ganz naiv rangegangen“, sagt Corinna. Die Grundfinanzierung kam von der Tochter eines Bankers, die viel vom Krieg erzählt hat und davon, wie ihre Familie selbst nach dem Krieg Flüchtlinge aufnahm. Das haben heutzutage anscheinend viele Menschen leider vergessen. Über die Nachfrage hat sich CUCULA dann weiter professionalisiert und gleichzeitig eine Vielzahl von Ehrenamtlichen um sich geschart, die bei der Steuer oder der Übersetzung helfen.

CUCULA verbreitet seine Mission hauptsächlich über soziale Medien. „Jeder Like ist für uns ein wichtiges Argument für das Projekt“, sagt Corinna. „Vor allem in Hinsicht auf die Politik, da können wir dann mit einem ganz anderen Gewicht in die Diskussion gehen.“

Dann klingelt schon wieder ihr Telefon. Ständig erreichen sie Anfragen von Menschen aus anderen Städten, die ähnliche Projekte aufziehen wollen. Manchmal ist eine naive Herangehensweise vielleicht doch die beste.

Ein Artikel von Fredy Gareis

cucula.org
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