Dresden Nazifrei - Kein Schritt zurück

03
MÄR
2016
Eines der Aktionsschilder von Dresden Nazifrei
© Maurice Weiss | OSTKREUZ

Keinen Schritt zurück

Das Bündnis Dresden Nazifrei hat es schwer in einer Stadt, die in den letzten Monaten vor allem durch die Demonstrationen von PEGIDA Schlagzeilen gemacht hat. Jetzt gibt es auch noch eine Zeltstadt für Flüchtlinge, und die mutigen Menschen des Bündnisses kommen kaum noch zum Schlafen, weil die Lage eskaliert.

Silvio Lang und seine Kollegen Jakob und Albrecht treffen sich vor dem Abgeordnetenbüro der Grünen in der Dresdner Neustadt. Es ist ein schöner Tag, es ist Sommer, und eigentlich der Jahresabschnitt in dem die Antifa- Aktivistinnen und Aktivisten von Dresden Nazifrei ein bisschen Zeit für sich selbst haben, in sich gehen und Kraft tanken können für die nächsten Kampagnen, für die Arbeit gegen nationalistische und rassistische Denke.

Aber Silvio, der 31-jährige Sprecher des Bündnisses, sagt: „Wir sind ausgepowert.“ Die Ereignisse der letzten Wochen und Tage halten sie im Dauerstress, die insgesamt etwa 150 Aktivistinnen und Aktivisten kommen nicht zur Ruhe. Den ganzen Winter über waren sie mit den Aufmärschen und den Parolen von PEGIDA beschäftigt, und dann, als sich die Lage zu beruhigen schien, begann die Flüchtlingsdebatte, durch die PEGIDA wieder Aufschwung bekam. Zudem hat das sächsische Innenministerium eine Zeltstadt für Flüchtlinge in Dresden aufgebaut. Der Aufbau der Zeltstadt wurde nur einen Tag zuvor angekündigt. Seitdem sind die negativen Stimmen und Reaktionen noch einmal immens gestiegen.

Auf Silvios Shirt steht: FCK NZS. Dazu trägt er einen „Mein Demo Beutel.“ Er streicht sich durch die Haare und atmet hörbar durch. Dann begeben sich die drei Aktivisten in die Bremer Straße, dorthin, wo die Zeltstadt steht.

Auf der breiten, stark befahrenen Straße irren die Flüchtlinge ziellos umher. Am Rand stehen ein paar Polizeiwagen. „Tja“, sagt Silvio, „jetzt sind sie da. Aber wo waren die vor ein paar Tagen? Da hieß es, dass eine Hundertschaft hier zum Schutz stehen sollte, aber davon war nichts zu sehen.“

drei junge Männer stehen auf einer Straße
© Maurice Weiss | OSTKREUZ

Von links nach rechts: Albrecht, Jakob und Silvio von Dresden Nazifrei

„In kürzester Zeit haben wir 2.500 Menschen mobilisiert. Ohne Facebook und Twitter würde das nicht gehen“

PEGIDA organisierte gleich eine Demo - Dresden Nazifrei die Gegendemo. „In kürzester Zeit haben wir 2.500 Menschen mobilisiert. Ohne Facebook und Twitter würde das nicht gehen“, sagt Silvio. Während die Website etwas in der Aktualität hinterherhinkt und eher auf Pressemitteilungen und längere Stücke ausgerichtet ist, gestaltet sich die Aktivistenarbeit fast ausschließlich über die sozialen Medien, weil die Menschen so wesentlich schneller zu erreichen und vor allem zu mobilisieren sind.

Entsprechend nutzen die Aktivistinnen und Aktivisten Twitter, um live von der Demo zu tickern. „PEGIDA läuft mit 1.000-1.500 Rassisten in Richtung Ostraallee“; „Unsere Route: Bhf Mitte - Friedrichstraße - Zwischenkundgebung am Ende der Friedrichstraße - Bremerstraße“; „Nazikleingruppen wurden in der Nähe Schäferstraße und Bremerstraße gesichtet. Die Lage ist ruhig“; „10 Nazis pöbeln von der Gegenseite. Lage aber weiterhin entspannt.“ Doch später ändert sich das. Nachdem die Demo vorbei und es dunkel geworden ist, attackieren Rechte die Zeltstadt. Ihnen stehen nur die Mitstreiter von Silvio gegenüber und verhindern Schlimmeres.

„Ich habe in der letzten Zeit selten mehr als drei Stunden geschlafen“, sagt Silvio. Dieses wichtige Engagement des Bündnisses kostet Kraft und zehrt an den Nerven. PEGIDA hat auf Facebook fast dreimal so viele Follower wie das Antifa-Bündnis. „Wir haben in Dresden keine etablierte Protestkultur wie in Berlin zum Beispiel“, sagt Silvio, und seine beiden Mitstreiter nicken. Dann begeben sich die drei in ihr Lager in der Nähe. Darin stapeln sich Plakate mit dem Schriftzug „Refugees Welcome“ und „Grenzenlose Solidarität statt rassistischer Hetze“. Dazu Schilder mit einem durchgestrichenen Hakenkreuz. Es sind nur ein paar Tage Zeit, dann geht es auf die nächste Gegendemo, in Freital, dort wo die Rechten direkt vor einem Flüchtlingsheim ein patriotisches Straßenfest angemeldet haben. Urlaub für Silvio und seine Kollegen? Nicht in absehbarer Zukunft.

Ein Artikel von Fredy Gareis

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