Wir versilbern das Netz - Omi im Internet

25
FEB
2016
Wege aus der Einsamkeit
© Marc Beckmann | OSTKREUZ

Cool, Omi!

Die digitale Revolution schreitet voran. Damit Senioren nicht den Anschluss verlieren, bringt Dagmar Hirche die ältere Generation ins Netz.

Von einem Bürotower in Hamburg schweift der Blick über die Hansestadt: rechts das alte Wahrzeichen, der „Michel“, geradeaus das neue: die Elbphilharmonie. Die ist aber immer noch nicht fertig und verschlingt immer mehr Geld - so etwas würde der 57-jährigen Dagmar Hirche wahrscheinlich nicht passieren. Die Unternehmensberaterin packt an und macht Nägel mit Köpfen. Die Arme voller Tablets und Smartphones kommt sie in den Raum, legt die Geräte auf den Tisch und stemmt die Hände in die Hüften.

Dagmar Hirche ist ein echtes Hamburger Gewächs, ihr Vater war Kapitän, sie ist gleichzeitig energisch und fröhlich, trägt ein Goldkettchen und eine lachsfarbene Jacke. Draußen braut sich ein Wetter unter schwarzen Wolken zusammen. Dagmar Hirche will genau das Gegenteil, sie will die Sonnenseite des Lebens zeigen. „Ich kann das Wort Generationenkrieg nicht mehr hören“, sagt sie. „Das Alter hat doch so viele positive Seiten, nur: Wo werden die dargestellt?“ Genau das haben sich Dagmar Hirche und ihre Mitstreiter auf die Fahnen geschrieben. „Wir wollen explizit rosa Wolken.“

Senioren sitzen mit Tablet PC an einem Tisch
© Marc Beckmann | OSTKREUZ

Im Eiscafé Eiskult in Hamburg-Langenhorn freut sich Dagmar Hirche (in rot) über die Aha-Momente bei ihren Kursteilnehmerinnen.

Dass wir uns mitten in einer digitalen Revolution befinden, sollte inzwischen allen klar sein. Aber an manchen Menschen geht diese Entwicklung vorbei, und das sind meistens die älteren Mitbürgerinnen und Mitbürger, die Menschen über 65.

„Ganz viele Infos gibt es ja nur noch digital“, sagt Hirche „und deswegen bieten wir hier diese Klassen an. Angefangen hat sie mit einer Pressemitteilung in der Hamburger Morgenpost, in der sie ein Einmaleins der Smartphones und Tablets angeboten hat. Daraufhin meldeten sich 120 Seniorinnen und Senioren. Die Teilnehmer keiner jünger als 65, das ist Bedingung) sitzen dann an den Tablets und den Smartphones und machen hier sozusagen den Führerschein fürs Internet. Eine Stunde Theorie, in der Dagmar unter anderem die verschiedenen Betriebssysteme erklärt. „Am besten funktioniert das, wenn ich die neuen Begriffe, die sich die Menschen nicht merken können, mit Begriffen ersetze, die sie verstehen. So wird iOS zum Benziner, Android zum Diesel und Windows zum Elektromotor. Dann eine Stunde Praxis, und viele stellt schon die virtuelle Tastatur vor eine Herausforderung. Nach einer Weile ist aber auch die gemeistert, ebenso wie das Einloggen ins WLAN. Dann besuchen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer Webseiten und es entstehen Aha-Momente, wie jener, wenn die Teilnehmerinnen und Teilnehmer plötzlich verstehen, was der Tagesschaumoderator meint, wenn er sagt: mehr Infos auf der Homepage.

„Am Ende gehe ich dann noch auf die Wünsche der Teilnehmer ein“, sagt die Frau mit dem silbernen Kurzhaarschnitt. Und oft sind das Skype und Whatsapp. Damit die Leute mit ihren Enkeln kommunizieren können. „Ich frage dann immer: Wie lange, glauben Sie, dauert es, bis eine Antwort kommt? Die meisten antworten: ein bis zwei Tage.“ Wenn nach einer halben Minute eine Nachricht vom Enkel kommt - „Cool, Omi“- , dann sind sie verständlicherweise aus dem Häuschen. Und so bringt Dagmar Hirche die alten Menschen auch auf Facebook und Twitter. „Die müssen einfach ins Internet, vor allem auch diejenigen, die nicht mehr so mobil sind.“ Im Internet spielen sie dann Schach oder besuchen virtuell die Museen dieser Welt. Das sei eine enorme Bereicherung für die Menschen.

Über einen Projektor hat Dagmar Hirche die Facebook-Seite auf die Wand geworfen. Jeden Tag stellt sie zehn bis 15 Posts zum Thema ein. Allesamt positiv. „Denn wenn die Menschen ein gutes Beispiel sehen, dann denken sie, dass sie das auch können.“ Das ist die Kraft des positiven Denkens, und davon ist Dagmar Hirche überzeugt.

Jetzt will sie ihr Konzept weiter in die Welt tragen, hat Anfragen von verschiedenen Institutionen, unter anderem von Altenheimen. Dagmar Hirche lacht das jugendliche Lächeln einer Frau, die nicht aufhört zu lernen. „Also, mein Vater sagt: Wenn ihr mich in ein Altersheim ohne WLAN steckt, dann enterbe ich euch!“

Ein Artikel von Fredy Gareis

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