Jugend gegen Aids - Welcome as you are

18
FEB
2016
Jugend gegen Aids
© Maurice Weiss | OSTKREUZ

Do it with Love, Respect and Condoms

Wer aufklären will, muss gelegentlich auch provozieren. Wie das geht und wie man dabei die sozialen Medien geschickt einsetzt, zeigt die Sommertour der Jugend gegen Aids.

„Hey, haben wir noch genug Kondome?“, fragt Philipp, 18, seine Mitstreiterinnen und Mitstreiter auf dem Think-Festival am Cospudener See in der Nähe von Leipzig. „Nur noch etwa 50“, antwortet Tim, 16. Dabei ist es noch nicht mal Abend. Die Sonne brennt vom Himmel und verdörrt das Gras, auf dem die etwa 6.000 Teilnehmerzu wummernden Elektrobeats tanzen.

Nicht weit von der Hauptbühne hat die Initiative Jugend gegen Aids ihren Stand aufgebaut: ein Auto, beklebt mit den Logos, im Kofferraum Sticker und Kondome, auf der Motorhaube Dildos, mit denen sich Jugendliche fotografieren lassen.

Philipp gehört zur Regionalgruppe Chemnitz, einer von 38 in der ganzen Republik, und der Einsatz hier auf dem Festival ist Teil der Sommertour von JGA. Auf Festivals und Christopher Street Days in ganz Deutschland sind die jungen Menschen unterwegs, um ihre Altersgenossen aufzuklären.

Obwohl - nach Aufklärung sieht das nicht gerade aus, wenn sich feierwütige Jugendliche mit halbleeren Bierbechern vor das Auto stellen, einen Dildo in die Hand nehmen, dazu ein Pappschild auf dem Sexy-Hooha oder Penis steht.

„Klar“, sagt Philipp, „natürlich kann man denken, dass das Spielkram ist. Aber wir müssen das durch die Hintertür machen. Auf so einem Festival findet im seltensten Fall Aufklärung statt. Das passiert eher im Nachgang.“ Die Provokation gehört also zum Kalkül. Und das Hinterher erreicht JGA durch die Fotoaktion. Die geschossenen Bilder schickt Philipp an die Facebook-Redakteurin in Hamburg, die postet sie dann in den sozialen Netzwerken. Dort suchen sich die Besucherinnen und Besucher des Festivals dann selbst, teilen ihre Fotos, liken die Seite von JGA und - im besten Falle - beschäftigen sich dann mit dem Thema Aufklärung.

Junge Leute haben Spaß auf einem Festival und stehen vor einem Auto
© Maurice Weiss | OSTKREUZ

Das Regionalteam aus Chemnitz in der prallen Sonne. Die jungen Leute verteilen Kondome, Sticker, machen Fotos von den Festivalgästen und posten diese in den sozialen Medien. Alles im Dienste der Aufklärung.

„Das funktioniert wunderbar“, sagt Philipp, während er ein Foto von einer Dreiergruppe vor dem Wagen schießt. Der ist so zur Sonne ausgerichtet, dass das Licht schön in das Gesicht der Feiernden fällt. Die Truppe weiß, wie der Hase läuft. „Alleine in den letzten paar Stunden“, sagt Philipp, „haben wir 200 neue Facebook-Fans gewonnen.“ Die Sonne brennt in sein bubenhaftes Gesicht, sein Nacken ist schon arg gerötet, und zur Abhilfe schüttet er sich eine Flasche Wasser über den Kopf.

Wenn nicht gerade Sommertour ist, dann engagiert sich JGA hauptsächlich in Schulen und spricht die Klassen 7 bis 10 an. Hier, auf diesem Festival, wie auf allen anderen in Deutschland, geht es darum, Content zu generieren, und darum, dass die Leute ohne Geschlechtskrankheiten nach Hause gehen. „Durch Reden brechen wir Blockaden“, sagt Philipp und schießt weitere Fotos. Seine Kolleginnen und Kollegen bekleben in der Zwischenzeit die Festivalgänger mit Stickern und verteilen die restlichen Kondome.

„We love you“ ist das Motto. „Welcome as you are.“ Jede(r) soll das Recht haben zu lieben, wie und wen er will, und dafür akzeptiert werden. „Dafür stehen wir“, sagt Philipp, während die Sonne langsam untergeht und die Temperatur erträglicher wird. Und dann, mit fortschreitender Stunde, als manche Jugendliche immer wieder davon abgehalten werden müssen, einen der Dildos mitgehen zu lassen, passiert es doch noch mit der Aufklärung: Philipps Kollege Maxim, 20, diskutiert angeregt mit einem Festivalgänger, der fragt: „Wie ist es denn jetzt mit dem Aids-Status? Und was ist denn genau der Unterschied zwischen HIV und Aids?“ Fragen, auf die Maxim sehr ausführliche Antworten hat. Das ist schließlich sein Job, und er erledigt ihn mit einer Professionalität, die beeindruckend für einen 20-Jährigen ist. Philipp schießt ein Foto von der Diskussion. Es wird später auf Facebook landen, auf Instagram und diversen anderen sozialen Medien. JGA wissen, wie sie sich und ihre Mission am besten in Szene setzen, und sie tun das, weil sie auch wissen, wie wichtig das Thema Aufklärung ist. Dafür nimmt Philipp auch gerne den Sonnenbrand in Kauf, der ihn jetzt schon hellrot leuchten lässt.

Ein Artikel von Fredy Gareis

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