Jyoti - Fair Works. Nähen für eine bessere Welt

16
FEB
2016
Jeanine und Nastassja von Jyoti - Fair Works
© Espen Eichenhöfer | OSTKREUZ

Nähen für eine bessere Welt

Die Modeindustrie ist teilweise ein schmutziges Geschäft mit Hungerlöhnen und unsicheren Arbeitsbedingungen. Jeanine und Nastassja wollen das ändern und gleichzeitig ein erfolgreiches Sozialunternehmen aufziehen.

In Berlin-Neukölln, im hinteren Raum eines Co-Working-Space, arbeiten Jeanine, die Gründerin, und Nastassja die Bestellungen ab, die am Rechner einlaufen. „Hier haben wir Anna Krämer“, sagt Nastassja, die - beste Werbung für die Jyoti-Produkte - ein Kleid der eigenen Marke trägt. Die Bestellung: eine Baumwolltasche, Preis: 25 Euro. Dafür gibt es allerdings auch 100 Prozent Biobaumwolle, einen persönlichen Brief und ein handgeschriebenes Etikett.

„Die Story dahinter“, sagt Jeanine, „ist sehr wichtig für die Kunden. Heute wollen sie genau wissen: Wo ist das Baumwollfeld, wer hat die Wolle gepflückt, wer steckt dahinter?“ Ein Lichtblick in der sonst entfremdeten Beziehung zwischen Kundinnen, Kunden und Modeindustrie. Jeanine trägt eine feine Bluse, selbstverständlich aus der eigenen Kollektion. Die anderen Teile liegen auf dem Tisch, erst kürzlich hat Jyoti die neue Linie lanciert. Das Spektrum reicht von T-Shirts über Röcke und Taschen bis zu Kleidern.

Jyoti ist kein Zufalls- oder ein Mitleidsprojekt. Jeanine hat nach der Schule ihren Freiwilligendienst im Dorf Chittapur in Karnataka geleistet, dort, wo heute die Näherinnen für Jyoti arbeiten. „Eigentlich“, sagt sie, „kamen die Frauen in Chittapur auf mich zu, und so hat sich das entwickelt. Die Gegend ist sehr konservativ und die Frauen können nicht einfach einen Laden auf dem Markt eröffnen.“ Hinzukommt, dass Nähen dort eigentlich eine Männerdomäne ist. Aber jetzt, nachdem eine deutsche Lehramtsstudentin den Frauen das Nähen beigebracht hat, geben sie das Wissen untereinander weiter. „Es ist ein gemeinsamer Prozess“, sagt Jeanine. „Hier geht es nicht um Mitleid, sondern die Frauen bezeichnen uns als Business-Partner.“

Zwei jugne Frauen sprechen miteinander. Eine Hand mit Stift
© Espen Eichenhöfer | OSTKREUZ

Nastassja arbeitet Bestellungen am Rechner ab und bespricht sich dann mit Jeanine. Jyoti steht für Transparenz, kämpft gegen die Entfremdung zwischen Mode und dem Kunden, deswegen bekommt auch jedes Stück eine Personalisierung.

Auf der Website kann man sich die Näherinnen anschauen, die Story soll immer und überall transportiert werden. Daher rührt auch der Hashtag #wearastory.

Seit zwei Jahren professionalisiert sich das Unternehmen; die Frauen in Indien sind permanent ausgelastet. Die Gruppen vor Ort will Jeanine aber nicht vergrößern. „Wir dürfen die Kernidee nicht aus den Augen verlieren, die Gruppen sollen Familiencharakter behalten. Mit 30 Näherinnen in einer Gruppe ist das kaum möglich.“ Trotzdem soll sich das Unternehmen bald tragen, nicht nur in Indien, sondern auch in Berlin. „Der Sinn eines Sozialunternehmens“, sagt Nastassja, „kann nicht sein, sich gegenseitig auszubeuten.“

Vom Erfolg und vom Wachstum zeugen die Bestelllisten an der Wand, die vielen Namen der Unterstützer, die per Crowdfunding in die neue Kollektion investiert haben. Inzwischen ist das siebenköpfige Team sehr aktiv auf Facebook, Pinterest und Instagram. Perfekte Ausspielkanäle, um ein Produkt mit einer Geschichte und einer sozialen Mission zu verknüpfen. Viele Kundinnen und Kunden gehen dann den Weg aus den sozialen Medien in den Online-Shop und unterstützen mit ihrem Kauf die Frauen in Indien. Die Gewinne gehen unter anderem in Englischkurse und in Kredite, um den Frauen den Weg in die Unabhängigkeit zu erleichtern.

Jeanine hat zuvor Labour & Social Movements in London studiert, Nastassja hat bei der amerikanischen Handelskammer gearbeitet. Jetzt versuchen die beiden mit ihrer Mitgründerin Caroline Rabe, Jyoti vollständig tragbar zu machen; seit Dezember haben sie etwa 300 Produkte über den Online-Shop verkauft.

Die Tasche für Anna Krämer wandert jetzt in einen Umschlag und Nastassja druckt noch einen personalisierten Brief aus, den beide dann unterschreiben und stempeln: eine Nähmaschine mit dem Schriftzug „handgemacht“.

So sieht das Gegenteil der Entfremdung vom Produkt aus. Das ist fairer Konsum gekoppelt mit sozialem Engagement.

Ein Artikel von Fredy Gareis

jyoti-fairworks.org
facebook.com/jyotifairworks

#wearastory