Essen packt an! - Wer, wenn nicht wir?

11
FEB
2016
Essen packt an!
© Maurice Weiss | OSTKREUZ

Wer, wenn nicht wir?

Aus einer Spontanhilfe ist ein nachhaltiges Projekt entstanden, in dem Essener Bürger die Dinge selbst in die Hand nehmen und sich um die Probleme in ihrer Stadt kümmern.

„Was haben wir noch?“, fragt Ingrid, während sie Kaffeebecher, Schuhe und Schlafsäcke in einen großen Bollerwagen packt. „Unterhosen vielleicht“, antwortet ihre Kollegin Solveig und reicht ihr einen Packen, macht aber zuvor noch das Preisschild ab. Gleichzeitig öffnet Faramar aus Gambia eine Dose Hühnernudeltopf nach der anderen und gießt den Inhalt in einen Warmhaltecontainer, der auf einem Fahrrad angebracht ist, der mobilen Suppenküche. Alles private Spenden.

Während die Suppe langsam aufheizt, beenden die Helferinnen und Helfer von Essen packt an! im Innenhof eines Altersheimes in Essen ihre Vorbereitungen für den Abend. Dreimal die Woche laufen sie mit Bollerwagen und Suppenrad durch die Essener Innenstadt bis zum Bahnhof und helfen Obdachlosen.

Was laut Markus Pajonk, 46, als Spontanhilfe nach dem großen Sturm 2014 entstanden ist, also als eine Art Nothilfe, hat sich in ein stetes Projekt mit verschiedenen Ausrichtungen verwandelt, das die Stadt enger zusammenrücken lässt. „Mittlerweile“, sagt Markus Pajonk, „gelten wir als Referenzbeispiel, wie sich Spontanhilfe nachhaltig machen lässt.“

Dabei hat sich das ganze Projekt über Facebook organisiert, ist sogar daraus entstanden und nutzt die Plattform weiterhin, um Spenden zu generieren, Termine zu vereinbaren und Neuigkeiten zu veröffentlichen.

Dann ist alles bereit, Markus und Faramar verstauen, was heute Abend nicht gebraucht wird, in dem kleinen Schuppen, den das Altenheim zur Verfügung stellt, und ziehen mit ihren Kolleginnen in die Essener Innenstadt - immer schön langsam mit dem Rad über die Bordsteine, damit die Suppe nicht überschwappt.

Die Helferinnen und Helfer vor dem Suppenfahrrad
© Maurice Weiss | OSTKREUZ

Die Helferinnen und Helfer von Essen packt an! fahren mit einem Bollerwagen und dem Suppenmobil durch die Essener Innenstadt. Obdachlose holen sich eine warme Mahlzeit und neue Kleidung ab - oder nur ein persönliches Gespräch.

„Warm durch die Nacht“, heißt diese Aktion, und ein Zettel mit der Facebook-Seite hängt am Ende des Bollerwagens, den sie jetzt auf einen kleinen Platz neben einer Kirche schieben, wo einige Obdachlose schon auf die warme Mahlzeit warten. Zu den vier Helferinnen und Helfern kommen nun acht weitere - schon eine kleine Mannschaft, die sich kennt und schätzt.

„51 Prozent sind das Gespräch. Wir wollen schließlich auch die Seele wärmen.“

Ingrid gibt den Obdachlosen Suppe, einige bedienen sich zuerst an der Kleidung im Bollerwagen, ziehen sich einen Schlafsack heraus, begutachten neue Schuhe, prüfen die Größe, bekommen noch einen Packen Brot.

„51 Prozent“, sagt Ingrid, „sind das Gespräch. Wir wollen schließlich auch die Seele wärmen. Und wenn wir dann noch jemanden von der Straße weg in ein geordnetes Leben bekommen können, ist es perfekt.“ Drei Stationen macht die Truppe um Markus Pajonk an diesem Abend. Durch verfallende Teile der Essener Innenstadt begeben sie sich zur Haupteinkaufsstraße und schließlich zum Bahnhof. Die Obdachlosen warten schon an den verschiedenen Punkten und bleiben dann an der mobilen Küche stehen, um sich mit den Helfenden zu unterhalten, ihre Probleme mitzuteilen oder einfach nur zu sagen, was sie in den nächsten Tagen brauchen. Dann versuchen die Helfer von „Warm durch die Nacht“, die Dinge zu besorgen - Spenderinnen und Spender finden sich glücklicherweise genug.

Inzwischen hat die Initiative sogar eine App, damit sich Spender und Helfer besser organisieren können. „Das traditionelle Ehrenamt“, sagt Markus, „hat gerade einen schweren Stand. Das Freizeitangebot wird immer breiter, aber über Facebook zum Beispiel ist die Eintrittsschwelle sehr niedrig, weil man einfach mal vorbeikommen kann, um sich das anzuschauen.“

Der Zug durch die Krupp-Stadt Essen nähert sich dem Bahnhof. Die Stimmung unter den Helferinnen und Helfer ist gelöst und locker, und das Lachen der Leute ist ein guter Beweis für Pajonks These, dass die Stadt enger zusammenrückt, einfach anpackt. „Wer soll es sonst machen“, sagt Markus Pajonk, „wenn nicht wir?“

Ein Artikel von Fredy Gareis

facebook.com/Essenpacktan