Restlos glücklich - Foodsharing e. V.

01
FEB
2016
Lebensmittelretterinnen Charlotte und Julia
© Maurice Weiss | OSTKREUZ

Dank dieser Lebensmittelverschenkeplattform landet weniger Essen im Müll.

Die Lebensmittelretterinnen Julia und Charlotte stellen ihre Räder ab und betreten einen Edeka-Markt in Bonn. Beide sind Anfang 20 und laufen vorbei am frischen Salatbuffet in einen Lagerraum, wo sie bereits ein Mitarbeiter des Marktes erwartet. Der hat sich auf der Website von Foodsharing eingetragen und Lebensmittel zur Abholung zur Verfügung gestellt. Julia und Charlotte knien jetzt vor einer Kiste und teilen Äpfel, Birnen, und diverses Gemüse auf. „Schau“, sagt Julia, „der Sellerie ist sogar bio!“

Mit vollen Taschen und in rege Diskussion verwickelt, wie man aus dem Sellerie am besten ein vegetarisches Schnitzel macht, gehen die beiden an der Kasse vorbei und beladen ihre Fahrräder.

Seit einiger Zeit gehören sie zu dem immer weiter wachsenden Kreis ehrenamtlicher Helferinnen und Seit einiger Zeit gehören sie zu dem immer weiter wachsenden Kreis ehrenamtlicher Helferinnen und Helfer, die die Initiative Foodsharing in den letzten Jahren regelrecht haben explodieren lassen. Geboren aus der Containerbewegung, also dem illegalen Durchwühlen von Containern an Supermärkten, ist Foodsharing die legale Weiterentwicklung.

Über die Website können sich Betriebe registrieren und so zum einen ihre Kosten senken, zum anderen können sie bei ihren Kundinnen und Kunden mit dem Thema Nachhaltigkeit punkten. Aber auch Privatleute bieten sogenannte Esskörbe an. Das kann alles sein, vom Rest einer Party bis zum kompletten Kühlschrankinhalt, der vorm Urlaub weg muss.

„Wir bekommen auch Essen von Caterern, Imbissen und Cafés“, sagt Charlotte und schwingt sich auf ihr Rad. Bisweilen sogar regelrechte Großabholungen wie neulich die 3,5 Tonnen Brötchen, weil bei einer Spedition die Kühlung ausgefallen war. Solch eine Menge wird dann schnell auf Facebook gepostet, wo sich viele Foodsaver in vielen lokalen Gruppen organisieren: Los Leute, kommt und holt euch das Zeug ab!

Äpfel und Birnen in einer Einkaufstüte. Zwei junge Frauen hocken vor einem Kiste mit Lebensmitteln.
© Maurice Weiss | OSTKREUZ

Was sonst weggeschmissen wird, retten Tausende von ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern wie Charlotte und Julia.

Die beiden Studentinnen sind nun unterwegs in die Altstadt, zu einem sogenannten Fair-Teiler. Im Gegensatz zur Tafel holen die Foodsharer auch kleine Mengen ab, haben kein Lager und sind komplett dezentral organisiert. Die Initiative fordert keine Bedürftigkeitsnachweise, sondern sieht das Prinzip des Lebensmittelrettens als Einstellungssache an. „Wir stigmatisieren niemanden“, sagt Julia. „Wir wollen einfach etwas gegen die Verschwendung tun. Uns ist es egal, wer es bekommt, Hauptsache es landet nicht im Müll.“

Über groben Pflasterstein radeln die beiden zum Buchladen „Le Sabot“, betreten ihn und packen die Lebensmittel aus dem Markt auf einen mit rotem Tuch ausgelegten Tisch. In den Regalen darüber gibt es Fairtrade - Lebensmittel zu kaufen, aber was die beiden hier hinlegen, kann von jedem einfach mitgenommen werden. Durch den Buchladen weht der Hauch der Rebellion. Es gibt Kaffee „für den täglichen Aufstand,“ und an der Wand hängt die Piratenflagge. Die Frau hinter dem Tresen sagt, dass sie sehr schnell von dem Konzept eingenommen war. Bei anderen braucht es allerdings längere Überzeugungsarbeit, sagt Charlotte. „Die haben dann etwas Bedenken, dass die Leute einfach nur deswegen kommen.“ Aber auch die sehen Stück für Stück ein, dass es mit der Lebensmittelverschwendung so nicht weitergehen kann.

Ob Privatpersonen oder Betriebe, immer mehr bieten ihre übrig gebliebenen Nahrungsmittel auf der Website an. Gleichzeitig wächst das Heer an Helfer - und jetzt will sich die Initiative internationalisieren. Dabei bleibt alles kostenlos und Open Source. Vollkommene Transparenz.

Julia und Charlotte haben ihre Taschen geleert. Beide behalten etwas von den geretteten Lebensmitteln für sich. Das geht, das ist der Deal, weil die Initiative komplett ehrenamtlich ist. Auf dem Weg hinaus unterhalten sie sich wieder über das Sellerieschnitzel und über die Esskörbe, die sie heute noch abholen wollen. Diesmal war die Abholung im Supermarkt noch vergleichsweise klein, sagen die beiden. „Normalerweise ist es so, dass wir die Lebensmittel zu zweit kaum tragen können.“

Ein Artikel von Fredy Gareis

foodsharing.de
facebook.com/foodsharing.de