Social Media als Motor für gesellschaftliches Engagement

18
JAN
2016
Stadt

Social Media ist im Alltag der meisten Deutschen angekommen. Es handelt sich nicht mehr um ein bloßes Trendwort. Vielmehr ist es für die Menschen zur Gewohnheit geworden, soziale Medien zu nutzen. Dabei ist Social Media mehr als nur ein zusätzlicher Kommunikationskanal. Sie ermöglicht neue Formen der Vernetzung und Verstetigung von Kommunikation und für den Austausch von Informationen. Mit ihrer Hilfe lassen sich Gruppen-, Freundes-, Verwandtschafts-, Sozial-, Berufs- und Interessenbeziehungen mit großer Geschwindigkeit organisieren, gestalten und festigen.

Das gilt insbesondere auch im Bereich von bürgerlichem Engagement. Social Media bietet aufgrund offener Strukturen ein großes Potenzial für gesellschaftliche Beteiligung und kann tatsächlich dazu beitragen, die Zivilgesellschaft zu stärken. Dies kann man derzeit bei zahlreichen zivilgesellschaftlichen Initiativen im Feld des Engagements für und mit Geflüchteten besichtigen, die über Facebook innerhalb kürzester Zeit eine hohe Zahl an Mitstreitern für verschiedene Aktionen mobilisieren können.

Social Media hat damit in einem Feld, das viel Zivilcourage erfordert, enorme Beteiligungsmöglichkeiten geschaffen, ohne dass die Bürger das Gefühl hatten, sonderlich viel Zeit oder gar Geld investieren zu müssen.

Vielmehr wurde über Social Media ein Netzwerk von Unterstützern aufgebaut, die sich dafür einsetzen, eine Willkommenskultur zu etablieren und zu leben, um ankommende Flüchtlinge in der neuen „Heimat" nachhaltig unterstützen. Oft werden die Chancen von Social Media proklamiert, allerdings ohne die Bedeutung im gesamtgesellschaftlichen Kontext zu betrachten.

In den letzten Jahrzehnten geraten dauerhafte Verantwortungsrollen in Organisationen wie etwa in den Vorständen von Vereinen unter Druck und feste Mitgliedschaften sind nicht nur in politischen Parteien rückläufig. Zugleich sind für junge Leute in Folge verkürzter Schulzeiten und der Bachelorisierung des Studiums die zeitlichen Anforderungen der Ausbildung intensiver geworden - oft bleibt da für Engagement kaum noch Zeit. Viele gesellschaftliche Gruppierungen wie z.B. die Kirchen, Parteien, freiwillige Feuerwehren usw. haben Schwierigkeiten, junge Menschen zu gewinnen.

Andererseits ist die Verbindung zwischen gesellschaftlichem Engagement und Partizipation stärker geworden. Wer sich engagiert, möchte die Gesellschaft zumindest im Kleinen auch mitgestalten. Das ist eine sehr spannende parallele Entwicklung, die durch soziale Medien zusammengebracht werden kann. Durch ihre technischen Eigenschaften und ihre Tools bieten sie eine Struktur, die gewisse Handlungsweisen nahelegen, wie zum Beispiel Gemeinschaften partizipativ zu denken, soziale on- und offline Begegnungsräume zu schaffen, Informationen offen zu teilen und wiederverwertbar zu machen, oder auch Prozesse transparent zu machen und dadurch z.B. Vertrauen zu schaffen.

Aus sozialwissenschaftlicher Perspektive lässt sich feststellen, dass grundlegende „kulturelle Werte" - wie partizipativ, sozial und teilbar - durch soziale Medien unterstützt werden können. Dennoch dürfen wir nicht vergessen, dass auch ganz andere Nutzungen von Social Media möglich sind. Gerade mobile Technologien ermöglichen den einfachen Zugang, wann und wo immer man möchte.

Zudem geht die Nutzungspraxis sozial sehr stark auseinander: Die einen spielen eher Social Games, die anderen sehen sich auf Instagram die neuesten Fotos an und wiederum andere chatten per WhatsApp.

Es kommt also darauf an, die politische Praxis wie auch die politische Kultur in den sozialen Medien mit offenen Augen zu betrachten und unzivilen Formen der Kommunikation ebenso entschieden entgegenzutreten wie die Themen des bürgerschaftlichen Engagements und der Partizipation kommunikativ zu stärken.

Als Jurymitglied des Smart Hero Awards achte ich insbesondere auf die Projekte, denen es gelingt, diesen Zielen gerecht zu werden. Der Award steht exemplarisch für eine erfolgreiche und zugleich inklusive Nutzung der sozialen Medien, um sich gesellschaftlich und bürgerlich stark zu machen.

Menschen und Projekten, denen es gelingt, durch den Einsatz von Social Media andere online und offline zu motivieren, sich für Gutes einzusetzen, werden ausgezeichnet. Engagement macht einen Unterschied und bewegt etwas. Wer sich engagiert, lernt viel, gewinnt nachweisbar wichtige Kompetenzen, steigert seine Kontakte und mischt sich mehr ein - die Wissenschaft bezeichnet dies als die sozialen und politischen Integrationseffekte des Engagements.

Deshalb müssen Engagementerfahrungen künftig auch wieder stärker in Schule, Ausbildung und Hochschulen möglich sein. Dort sollten medienpädagogisch auch die Relevanz und die Möglichkeiten von Social Media im Bereich gesellschaftliches und bürgerliches Engagement vermittelt werden. Engagement und Demokratie sind eng miteinander verbunden und nur mit einer aktiven Bürgerschaft können wir gesellschaftliche Herausforderungen lösen.

Grund genug, hier Akzente zu mehr Solidarität und Miteinander zu setzen.

Autor: Dr. Ansgar Klein ist Geschäftsführer des Bundesnetzwerk Bürgerschaftliches Engagement (BBE)